50 Stories from Emmenbrücke – Genius Loci

Was beschäftigt Sie?“ oder „Was tun Sie, um die Welt zu verbessern?“ waren Gesprächseinstiege, die ich u.a. bei den Passanten nach etwa der Hälfte des Projekts anwendete. Von da an bekam ich Einblick in ihren Alltag, hörte Sorgen und Wünsche, manchmal auch persönliches.

Zuerst standen meine Fragen immer in Bezug zu Emmenbrücke, beispielsweise ob die Leute hier (schon lange) wohnen oder arbeiten, doch wie ich merkte, ähnelten sich die Antworten immer ein wenig. Die ewige
Baustelle um den Seetalplatz war eine erschöpfliche Quelle des Gesprächsstoffes, und auch über sonstige Veränderungen in der Stadt oder die Aufenthaltsgründe
der Leute konnte ich nicht lange mit ihnen reden. So habe ich im Verlauf des Projektes meine Herangehensweise perfektioniert, vom Ansprechen der Person, zu den
Fragen, der Zuhörstrategie, und den Nachfragen. Zutage kamen allerlei kurze Geschichten: ein bunter Mix aus Lebensläufen, Alltagsgeschehnissen und Gedankeneinblicken. Emmenbrücke wird so nicht mehr einfach als Ort wahrgenommen, sondern bekommt ein Gesicht – 50 Gesichter, um genau zu sein. Nebst den kurzen Interviews in Textform gibt es auch immer ein Bild zur Person, manchmal auch eine Follow-up-Story mit weiteren Bildern, z.B. wenn jemand mit einer Handbewegung auf deren Wohnhaus zeigt. Nebst Fotografien lasse ich auch Videos und Tonaufnahmen in das Projekt einfliessen. So soll eine abwechslungsreiche, einladende Arbeit entstehen. Für die Ausstellung hatte ich die Idee, die Portraits an die eine und die Texte an die gegenüberliegende Wand zu projizieren, kann man sich gleichzeitig immer nur einer Geschichte widmen, man muss sich also vorstellen, was diese Person sagt bzw. wie sie aussieht. Im Web sieht man wahrscheinlich beides zusammen, zusätzlich auch Videos und Ton. Da kann sich der Besucher ruhig auf das Projekt einlassen und sich nach Lust und Laune durchklicken. Nur eine kleine Auswahl der Portraitierten zu zeigen, würde zwar die dem Projekt zugrunde liegende Idee zunichte machen, sich aber noch am ehesten für das ausstellungsbegleitende Buch eignen. Ich könnte mir vorstellen, an drei unterschiedlichen Stellen des Buches eine Doppelseite mit je einem Portrait und dem dazugehörigen Text zu zeigen. Eventuell wäre auf einer vierten Doppelseite ein Foto aus der Kanalisation zu sehen.
Ausgehend von einer Stadtkarte programmiere ich – entweder in HTML oder
Shockwave Flash – interaktive rote Punkte, überall da, wo ich die Menschen getroffen habe. Klickt man auf den Punkt, gerät man an diesen Ort und sieht ein Bild, Video,
Ton oder Text. Je nach Ort, gelangt man von hier zu weiteren Personen in der
Umgebung oder zu einer Follow-up Geschichte. Dank einem Pfeil an der
Seite kommt man jederzeit zur Karte zurück. An manchen Stellen kann man zusätzlich mit einem Herunter-Pfeil in die Kanalisation absteigen, wo ich mit einer Person vom Tiefbauamt war. So kann ich noch einen anderen Blickwinkel auf die Gemeinde ermöglichen. Überhaupt hoffe ich, dass durch mein Projekt auf unterhaltsame Weise neue Perspektiven möglich werden. Schnell passiert es, dass wir uns zu wichtig nehmen und vergessen, dass andere Menschen ebenso Gefühle, Freuden und Sorgen haben – egal ob sie alt, jung, eritreischer, philippinischer oder luzernischer Herkunft sind, als Kebabverkäufer oder als DJ arbeiten, ob sie viel von sich erzählen oder in einem Satz ihr bisheriges Leben zusammenfassen. Mein Projekt versucht die Vielfalt der Menschheit zu zeigen, an einer Auswahl von Leuten, die sich zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort in Emmenbrücke aufhielt wie ich.

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