Virtual Reality – ein revolutionäres Medium?

Mit der Erfindung des Buchdruckes und der Photographie, der Einführung des Fernsehens und des Internets sah sich die Menschheit jeweils wieder erneut mit dem Fortschritt der Technik konfrontiert. Alle diese Medien haben sich durchgesetzt – ich wage zu behaupten, sie haben das gesellschaftliche Leben und Verhalten der meisten westlichen Menschen grundlegend verändert. Niemand konnte sich auf diese bald alltäglichen Medien einstellen, weil die Auswirkungen schlicht noch nicht bekannt, geschweige denn absehbar waren. „Die Eingeborenen mit einer Flut von Begriffen zu überschwemmen, auf die sie in keiner Weise vorbereitet sind, ist die normale Wirkungsweise unserer ganzen Technik.“ schreibt McLuhan (1964: 27) über einen in den entlegensten Gebieten im Busch lebenden Beduinen, der ein Kofferradio besitzt. So findet die immer fortschreitende Technik langsam Einzug in unseren Alltag. Und wiederum steht die Einführung einer neuen, als vielversprechend beworbenen Technik auf dem Plan: Die Rundumfilme, auch Virtual Reality genannt. Wie werden sie in der westlichen Welt rezipiert? Was sind ihre Chancen und Tücken, wo knüpft dieses Medium an und wie wird es unser Verhalten des Medienkonsums verändern?

Ein wichtiger Faktor, damit sich ein neues Gadget auf dem Markt behaupten kann, wird bereits erfüllt, indem die Technik einfach zu besorgen ist und es praktisch kostenfrei seinen Weg in unser Zuhause finden kann. Alles, was man braucht, ist ein Pappkarton, den man mit einer Anleitung aus dem Internet zu einer Brille falten kann. Für die Konsumation solcher Rumdumfilme reicht nebst dieser Brille das Smartphone mit Internetzugang. Die Videos allerdings müssen mit einer Kamera gefilmt werden, welche 360°, also die komplette Umgebung aufnehmen können. Für solch eine 360°-Kamera, wie sie zu Beginn dieser Woche von Samsung auf den Markt kam, wurde bereits im Juni 2014 von einem kleinen Start-Up auf einer Crowdfunding-Seite eine Kampagne zur finanziellen Unterstützung initiiert. Innert 23 Tagen kamen dafür sage und schreibe 1 Million Dollar zusammen; es scheint, als seien die Leute begierig darauf, die Entwicklung immer neuer Technologien so schnell wie möglich voranzutreiben. Dabei spielt es gar keine Rolle, was mit diesem Medium gezeigt werden kann. Ob wir in bunten Unterwasserwelten schwimmen, einen dokumentarischen Einblick in ein Buschvolk erhalten oder einen Spielfilm zu sehen bekommen, scheint gar nicht von Bedeutung zu sein. So lässt sich eine Analogie zur These McLuhans erkennen, wenn er sagt, dass „das Medium die Botschaft sei“ und von einem Afrikaner erzählt, der sich trotz Sprachbarriere jeden Abend um sieben Uhr den Nachrichten von BBC zuwendet, weil ihm die klingende Modulation genug bedeute. (1964: 32) Offenbar erhofften sich die Unterstützer und Initianten der Kampagne lediglich ein revolutionäres Filmerlebnis, oder zumindest die Produktion dessen.
Interessant wird das Medium vor allem, wenn es unter dem Gesichtspunkt der (dokumentarischen) Produktion betrachtet wird. Das stets angeführte Argument, der Dokumentarfilmer beeinflusse die Darstellung der Sachlage mit der Wahl des Ausschnittes, der Schnittabfolge (z.B. Schnitt/Gegenschnitt) sowie der subjektiven Kamerafahrt, fällt hier mit einem Schlag weg. Was bleibt, ist die Wahl des Ortes und der Zeit, der allfällige Schnitt sowie der Filmer, welcher die Szene bereits mit seiner blossen Anwesenheit manipuliert, gleichgültig, wie die Protagonisten zu ihm stehen. Die Manipulation besteht somit immer noch, wird allerdings klar eingedämmt. Enzensberger zufolge ist die Frage aber ohnehin nicht, „ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert“, da die „Manipulation, zu deutsch Hand- oder Kunstgriff, […] soviel wie zielbewusstes technisches Eingreifen in ein gegebenes Material“ bedeutet. (1970: 166)

Noch gibt es vor allem Spiele und Pornofilme in 360° zu erleben. Spannend wird die Rezeption von Dokumentarfilmen sein – werden dem Betrachter die Rundumfilme authentischer vorkommen, unverfälschter, unmanipulierter? Immerhin kann dieser nun selbst mitbestimmen, wohin er im Bild blicken möchte. Dies verleiht ein im Film nie dagewesenes Gefühl des Mitbestimmens, man wird vom passiven Empfänger zum Kameramann, sieht die selbst gewählten Ausschnitte und erhält schlussendlich einen Film, den niemand anders genau so gesehen hat. Ist das bereits genug, um die Virtual Reality als emanzipatorisches Medium zu kategorisieren? Baudrillard meint dazu:


„Die Medien sind dasjenige, welche die Antwort für immer untersagt, das, was jeden
Tauschprozess verunmöglicht (es sei denn in Form der Simulation einer Antwort, die
selbst in den Sendeprozess integriert ist, was an der Einseitigkeit der Kommunikation nichts ändert). (1978: 91)

So wird es auch in den Filmen mit Virtual Reality unmöglich sein, ein reziprokes Senden-und-Empfangen-Verhältnis herstellen zu können. Man kann zwar mit dem Medium interagieren, wird aber nicht zum potenziellen Sender: wie bei der Manipulation also ein Schritt in Richtung eines emanzipatorischen Mediengebrauchs nach Enzensberger, jedoch keine optimale Endlösung.

Unter dem Blickpunkt der Medienkritik macht die Virtual Reality dafür einen Schritt zurück im Zusammenhang mit der Individualisierung. Sowohl Enzensberger als auch Baudrillard erwähnen die Isolierung, welche durch den einseitigen Gebrauch der Massenmedien gefördert wird: „… das Fernsehen ist die Gewissheit, daß die Leute nicht mehr miteinander reden, dass sie angesichts einer Rede ohne Antwort endgültig isoliert sind.“ (Baudrillard, 1978: 94) Mehr als jedes andere Medium begünstigt die Virtual Reality einen individualistischen Mediengebrauch. Man erlebt eine vollkommene Immersion, die auf keine Weise geteilt werden kann. Durch die Brille und meist die Verwendung von Kopfhörern wird die Aussenwelt kaum mehr wahrgenommen, die Technologie der Rundumfilme nimmt die Aufmerksamkeit des Benutzers auf allen Ebenen ein. Geplant ist auch, nebst dem Seh- und Hörsinn weitere Sinne anzusprechen, zum Beispiel mittels Gerüchen, was die Immersion noch mehr fördern wird. Dabei wird bereits vor Unfällen gewarnt, leicht kann die Umgebung während des Bewegens in einer anderen Welt vergessen werden.
Wie der radiohörende Beduine bewegen wir uns eben noch unbedarft in der Welt der fortschreitenden Technik. Nach McLuhan sind wir „in unserem alphabetischen Milieu nicht besser auf eine Begegnung mit dem Radio oder Fernsehen vorbereitet, als der Eingeborene von Ghana fähig ist, mit dem Alphabetentum fertigzuwerden,…“ (1964: 27) Zweifellos lässt sich dieses Zitat auf die heutigen technischen Errungenschaften und nicht zuletzt auf die Virtual Reality übertragen. Sie erfindet zwar den Film nicht neu, bietet aber ein ganz neues Erlebnis des Medienkonsums. Wird die Technologie deswegen wirklich revolutionär sein und sich durchsetzen, sodass sie nicht nur Einzug in das Leben von Geeks und Nerds findet? Es wird auf jeden Fall spannend sein zu sehen, was aus diesen Möglichkeiten gemacht wird.

 

Bibliographie

Marshall McLuhan: „Das Medium ist die Botschaft, in: Ders. (Hg.): Die magischen Kanäle, Dresden 1964, S. 17-35.

Hans Magnus Enzensberger: „Baukasten zu einer Theorie der Medien“, in: Ders. (Hg.):
Kursbuch 20, Frankfurt am Main 1970, S. 159-186.

Jean Baudrillard: „Requiem für die Medien“, in: Ders. (Hg.): Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978, S.83-118.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s